Musterrede

Geburtstag eines Vaters

Lieber Papa!

Dass ich hier stehe und Dir zu Deinem 80sten Geburtstag gratulieren kann, ist ein kleines Wunder.
Nicht nur für mich, sondern auch für Arno, Nina und die ganze Familie. Denn noch vor einem Jahr haben hätte keiner von uns geglaubt, dass wir heute hier sein werden, um mit Dir zu feiern.
Nach Mamas Tod, der nun schon drei Jahre her ist, aber irgendwie doch immer präsent, schienst Du Dich aufzulösen.

Ohne Mama warst Du nicht halb- ohne Mama warst Du gar nicht. Auch wir vermissen sie, aber Du warst allein, wie man es schlimmer nicht sein konnte. Ihr wart fast 60 Jahre verheiratet. Euch gab es nur zusammen. Hans und Inge, das waren nicht zwei Namen, das war eine Einheit. Diese Einheit zerbrach mit Mamas Tod. Wir dachten, dass auch Du selber daran zerbrechen würdest. Es war deine ganz persönliche Lebens-Katastrophe.

Aber vor einem Jahr – es klingt vielleicht komisch und ich weiß, Du hältst das bestimmt für „Hokus-Pokus“— hatten wir den Eindruck, dass Mama von oben sagte „Hans, nun ist aber mal genug. Du hast das Leben geliebt. Und mich. Und wenn Du mich immer noch liebst, dann liebe bitte auch das Leben weiter.“

Wir hatten schon gar nicht mehr daran geglaubt, aber es passierte tatsächlich: Dein Lebensmut kam zurück. Stück für Stück. Du tauchtest aus der Versenkung der Trauer wieder auf.
Auf einmal winktest Du nicht mehr ab, wenn wir Dich fragten, ob Du Lust hast, auf ein Gläschen Wein herüberzukommen. Oder ob Du mit zum Essen gehst. Oder ins Theater. Du bist sogar mit ins Kino gegangen, was früher eigentlich gar nicht so Dein Ding war. Wahrscheinlich hat Mama Dich, für uns unhörbar, von oben ermahnt „Hans, was hab ich gesagt? Geh unter die Leute! Nun mach schon!“ Mama konnte ja sehr resolut sein…

Auf einmal konntest Du wieder lächeln. Und auf einmal kam auch Dein berühmtes dröhnendes Lachen wieder. Wir haben schon
gemerkt, dass Du Dich selber fast ein wenig erschrocken hast, als Du plötzlich über einen der Witze lachen konntest, die Arno so gerne erzählt. Dein Enkel ist da einfach unschlagbar und auch wenn er uns manchmal mit seinen Witzen nervt – für diesen ollen Kalauer, den er da erzählt hat und über den Du so herrlich lachen konntest, sind wir ihm ewig dankbar. Er war irgendwie die Initialzündung, die Deine Lebensfreude dann wieder so richtig zum Leuchten brachte.

Du hast uns immer wieder erstaunt. Wir haben Dir gern mit dem Haushalt geholfen. Aber Du wolltest uns nicht belasten, und so hast Du Dir in aller Heimlichkeit einen Platz in einem Seniorenheim ausgesucht. Du hast uns gesagt, dass Du kein ganzes Haus mit Garten brauchst, sondern vor allem Gesellschaft. So wie Mama mit Dir ja auch gern unter Leuten war. So lebst Du nun in diesem netten kleinen Seniorenheim, in Deinem vertrauten Stadtteil. Ganz in unserer Nähe. Ehrlich, Papa, wir hätten Dir gerne weiter den Haushalt gemacht, aber Deine Entscheidung finden wir trotzdem gut. So können wir uns bei unseren Besuchen ganz auf Dich konzentrieren. Mit Dir etwas unternehmen, mit Dir reden, mit Dir über Mama reden.

Und was wir wirklich unglaublich fanden: Auf einmal wolltest Du wissen, wie man ins Internet geht. Wie man ein Smartphone bedient. Wie man über WhatsApp kommuniziert. Mama würde sagen „Hans, Donnerwetter, was Du alles so machst! Hut ab!“ Sie hat immer an Dich geglaubt, wenn das Leben es nicht so gut mit Dir meinte.

Als Deine erste Firma damals zumachte und Du arbeitslos warst, da stand sie hinter Dir und sagte „Es geht weiter! Hab Vertrauen! Ich glaub an Dich!“ Und so war es ja auch. Dein neuer Job war viel schöner und sogar noch besser bezahlt als der erste. Offenbar hat auch diese Firma, genau wie Mama, genau gewußt, was in Dir steckt. Dort hast Du dann bis zu Deiner Rente gearbeitet und Du warst nicht einen Tag krank.

Nachdem Du in Rente gingst bekamen wir Euch beide nun seltener zu Gesicht. Dafür aber schöne Postkarten aus allem möglichen Ländern. Ihr habt die Pyramiden in Ägypten besucht und Mama hat
sich vor Lachen kaum halten können, als sie uns erzählte, was Du beim Anblick dieser Grabmäler damals gesagt hast. „Für mich dann aber bitte etwas weniger pompös!“

In Marokko hast Du auf dem Teppichbasar so sehr gehandelt, dass Mama schon so tun wollte, als gehöre sie nicht zu Dir. Dein Verhandlungsgeschick, das Dir im Job immer so geholfen hat, hatte sich also auch im Rentenalter nicht verloren. Und dass Du den Traumteppich, den sich Mama ausgesucht hatte, Dank Deines Feilschen unglaublich günstig bekommen hast, hat sie dann doch gefreut. Und vor lauter Begeisterung habt Ihr zwei das gesparte Geld genommen und den Urlaub dann gleich um eine Woche verlängert. Die einzige Verpflichtung für diese Verlängerung war, noch eine Postkarte mehr nach Hause zu schreiben.

Lieber Papa, ich könnte noch stundenlang so weiterreden. Die vielen Stationen Deines langen Lebens sind in vieler Hinsicht unendlich. Unendlich schön. Unendlich lustig. Und unendlich kostbar. Wir alle hoffen, dass wir noch ganz viele Jahre diese Geschichten von Dir hören können. Sie alle sind wertvolle Erinnerungen, die Du immer gern mit uns teilst. Mit uns, Deinen Kindern, unseren Familien, Deinen Freunden. Mit all den Menschen, die Du liebst und denen Du auch so wichtig bist. Und da kommen ganz schön viele Seelen zusammen!
Papa, Du bist ein ganz und gar besonderer Mensch! Wir alle wünschen uns, dass Du bei bester Gesundheit 100 Jahre alt wirst. Mindestens. Und bei all den tollen Aktivitäten, die Du in Deinem neuen Zuhause mitmachst, sind die Chancen richtig gut, dass das auch klappt! Um abschließend noch einmal mit Mamas Worte zu sprechen – und dann ist meine Rede auch wirklich vorbei und wir alle dürfen das Buffet stürmen – „Hans, Du schaffst das!“

Prost Papa, alles Gute zum Geburtstag!